Archiv für den Monat: September 2015

(nachgereichte) Kritik Ernani im August 2015 in Salzburg

KRITIK ERNANI
Mutis „Ernani“: Hochspannung
Der italienische Maestro dirigierte bei den Salzburger Festspielen eine gefeierte Aufführung von Verdis meisterlichem Frühwerk.
28.08.2015 | 18:00 | Von Walter Dobner (Die Presse)
Am Schluss gab es nicht nur Standing Ovations – auch Orchester und Chor stimmten in den begeisterten Jubel mit
ein. Und dies nach einer, wie man sonst zu sagen geneigt ist, „bloß“ konzertanten Opernaufführung. Freilich, was für
einer. Von den ersten Takten an herrschte eine Spannung, die sich nur selten einstellt.
Zu hohem Ausdruck führte Riccardo Muti – diesen Sommer in Salzburg der einzige Dirigent, der Konzerte und Oper
leitet – seine Protagonisten. Unter ihnen neben(!) der exzellent auf diese Aufgabe vorbereiteten
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung: Ernst Raffelsberger) das von ihm gegründete
Orchestra Giovanile Luigi Cherubini, das die Herausforderung so selbstverständlich meisterte, als spielten diese
glänzend aufeinander eingestimmten jungen Musiker nichts anderes als Opernliteratur.
„Wahrhaft scheußlich“ hat Verdis Komponistenkollege Otto Nicolai, der in der nächsten Salzburg-Saison mit einer
seiner Opern zu Festspielehren kommen wird, wie die Gerüchtebörse wissen will, „Ernani“ genannt. Aus der Sicht der
Zeit kann man ein solches Urteil verstehen. Schließlich reizt Verdi hier die Möglichkeiten der menschlichen Stimme in
einer bis dahin nie gekannten Weise aus, schafft aber auch die für seine späteren Opern charakteristischen
Operncharaktere, die wir heute unter anderem als den Verdi-Sopran oder den Verdi-Bariton kennen.
Solche hatte Muti, der „Ernani“ bisher zweimal zu einer Saisoneröffnung dirigiert hatte – 1982 an der Mailänder Scala
und 2013 am Römischen Opernhaus – mit auf das Podium des Großen Festspielhauses gebracht. Wie den die Rolle
des Don Carlo nuanciert gestaltenden Luca Salsi oder die junge, emphatisch agierende Vittorio Yeo in der
anspruchsvollen Partie der Elvira. Wie schon in Rom gab Francesco Meli kraftvoll und mit sicheren Höhen den Ernani,
und präsentierte sich Ildar Abdrazakov als profunder de Silva an der Spitze eines homogenen Ensembles.